Elfi Rewoldt und Frank Miller übernahmen 2010 den Gutshof Warksow auf Rügen: ein frühbarockes Gutshaus mit Wirtschaftsgebäuden, viel Land, viel Geschichte und noch mehr Arbeit. Seitdem haben sie hier einen landwirtschaftlichen Betrieb aufgebaut und ein neues Leben begonnen. Sie züchten Bisons, stellen nach und nach die historische Substanz wieder her und sanieren das Gutshaus mit Eigenmitteln, ohne Kredit und ohne Eile.
Wie sind Sie zu ihrem alten Haus gekommen?
„Eigentlich war es Glück und Zufall“, sagt Frank Miller. „Aber wir haben immer gesagt: Dieses Haus hat auf uns gewartet.“
Elfi Rewoldt und Frank Miller hatten schon lange den Wunsch, unabhängiger zu leben. Mit einem eigenen Grundstück, eigenen Entscheidungen und der Möglichkeit, aus eigener Kraft etwas aufzubauen. Auf Rügen hatten sie zunächst ein gepachtetes Grundstück, bauten dort einen Tierbestand auf und entwickelten die Idee, mit Tieren zu arbeiten und daraus einen Betrieb entstehen zu lassen. Doch dann kam alles anders. Der Verpächter stellte sie vor die Wahl: sofort kaufen, allerdings zu einem deutlich höheren Preis als ursprünglich vereinbart oder gehen. Die Existenzidee drohte zu kippen.
Auf der Suche nach einer Alternative stießen sie durch einen Hinweis auf eine Auktion in Berlin. Dort sollte der Gutshof Warksow versteigert werden. Sie fuhren hin, sahen sich das Objekt an und merkten schnell: Größe, Lage, Gebäude und Land passten zu dem, was sie vorhatten. „Für viele war es wahrscheinlich zu groß“, erinnern sie sich. „Für uns war genau das der Vorteil. Wir wollten ja nicht nur eine Immobilie, sondern eine wirtschaftliche Grundlage entwickeln.“ Sie ersteigerten den Gutshof. Danach verkauften sie nach und nach ihre bisherigen Immobilien, steckten das Geld in den Aufbau des Betriebs und begannen, das neue Leben in Warksow Schritt für Schritt möglich zu machen.

Was hat Sie dazu bewegt, Ihr bisheriges Leben zu verändern und hierherzugehen?
Das Wort, das im Gespräch immer wieder fällt, ist: Hamsterrad.
Elfi Rewoldt kam aus dem kaufmännischen Bereich und hatte nach dem Tod ihres ersten Mannes plötzlich eine Elektrofirma zu führen. „Von null auf hundert“, sagt sie. Zwei Kinder, Kredite, Mitarbeitende, Baustellen, Aufträge, wirtschaftlicher Druck. Sie führte die Firma zehn Jahre lang weiter, kämpfte sich durch, hielt den Betrieb am Laufen. Aber es war nicht ihr eigenes Leben, nicht ihr eigener Traum.
Frank Miller hatte ebenfalls einen beruflichen Weg hinter sich, der ihn prägte. Zu DDR-Zeiten war er Hochschullehrer, nach der Wende orientierte er sich neu und arbeitete später im Versicherungsbereich. Auch er kannte die Zwänge von Finanzierungen, Verpflichtungen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten.
Als beide sich kennenlernten, merkten sie schnell: Sie wollten etwas anderes. „Wir hatten das kleinste gemeinsame Vielfache für uns entdeckt“, sagt Frank. „Und das war diese Autarkie, dieses Selbstbestimmte.“ Dabei ging es ihnen nie darum, alles hinter sich zu lassen und romantisch aufs Land zu ziehen. Sie wollten eine tragfähige wirtschaftliche Grundlage schaffen. Ein Leben, das Arbeit bedeutet, aber Arbeit mit Sinn. Ein Ort, an dem man selbst entscheidet, was wann geschieht. Ohne Bank im Nacken. Ohne die Angst, dass ein Lebensprojekt am Ende doch jemand anderem gehört.
Deshalb wählten sie den langsameren Weg. Sie bauten den Betrieb parallel zu ihren bisherigen Berufen auf, verkauften ihre Immobilien, investierten Schritt für Schritt und verzichteten bewusst auf Kredite. „Wir wollten uns weder finanziell noch körperlich kaputtmachen“, sagt Frank. „Wir machen es peu à peu. So, wie wir können. Und das ist die größte Freiheit, die man haben kann.“

Was war der erste Moment, in dem Sie gespürt haben: Dieses Haus ist etwas Besonderes?
Schon beim ersten Besuch sahen Elfi Rewoldt und Frank Miller nicht nur ein großes, altes Gebäude in schlechtem Zustand. Sie sahen die Möglichkeiten. Frank beschreibt es nüchtern und zugleich liebevoll: Ein altes Haus müsse vor allem zwei Dinge haben – trockene Füße und einen trockenen Kopf. Also ein stabiles Fundament und ein dichtes Dach. Alles andere sei ersetzbar.
Beim Gutshaus Warksow überzeugte beide vor allem die historische Substanz. Das Feldsteinfundament, das alte Mauerwerk, die Bauweise, die trotz aller Vernachlässigung noch immer tragfähig war. „Das dunklere Ziegelmauerwerk steht hier seit 1692“, sagt er. „Wenn so etwas seit über 300 Jahren steht, dann hat es auch die Voraussetzung, weitere 300 Jahre zu stehen.“
Sie hatten von Anfang an eine Vorstellung davon, wie das Gutshaus wieder aussehen könnte: ein Haus, das seine frühbarocke Herkunft wieder erkennen lässt. Mit Putz, passenden Fassadendetails, einem gestalteten Eingang, historischen Türen und einem Erscheinungsbild, das zu seiner Zeit und seiner Geschichte passt.
Dazu gehört für die beiden nicht nur die große bauliche Linie, sondern auch der Blick für Details. Elfi Rewoldt restauriert mit Leidenschaft alte Möbel. Über viele Jahre haben die beiden außerdem historische Barocktüren, alte Fenster und besondere Bauteile gesammelt, die sie nach und nach aufarbeiten und wieder im Haus einsetzen. Manches davon wartet schon lange auf seinen neuen Platz.

Was hat Sie dieses Haus bisher gelehrt – über Sanierung, Geduld oder das Leben selbst?
„Durchhaltevermögen“, sagt Elfi sofort. „Das ist das Allerwichtigste.“
Ein altes Haus dieser Größe lässt sich nicht mit Ungeduld sanieren. Und schon gar nicht, wenn daneben ein Betrieb aufgebaut werden soll. Zäune mussten gezogen, Tiere versorgt, Gebäude gesichert, Wohnungen geschaffen, wirtschaftliche Grundlagen gelegt werden. Erst musste das Gut wieder funktionieren. Erst dann kann das Gutshaus Schritt für Schritt weiter wachsen.
Auch Rückschläge entmutigen die beiden, wenn überhaupt, nur kurz: „Es gibt immer eine Lösung“, sagt Frank. „Man muss sie nur finden, sehen und sehen wollen.“
Diese Haltung prägt ihren Blick auf alte Häuser insgesamt. Sie glauben nicht daran, dass man alles sofort haben muss. Im Gegenteil. Für sie liegt gerade darin eine Fehlannahme unserer Zeit: dass alles schnell, fertig, perfekt und möglichst gleichzeitig passieren soll.
Ein altes Haus verlangt Entscheidungen. Aber es lässt auch Zeit. Man kann beginnen, etwas herstellen, etwas weitergeben. Vielleicht erreicht man selbst nicht alles. Vielleicht endet man bei 80 Prozent. Aber auch das kann genug sein, wenn der Weg selbst Teil des Lebens ist.
„Wir können hier nur den Nagel in die Wand schlagen und beginnen“, sagt Frank. „Und dann hoffen, dass die nächsten Menschen dieselbe Intention haben und es weiterentwickeln.“

Was lieben Sie heute an Ihrem Alltag in und mit diesem alten Haus am meisten?
Es sind die großen Freiheiten und die kleinen Dinge.
Heute stehen Elfi und Frank mit ihrem Betrieb auf festen Füßen. Die Bisons gehören zu Warksow wie das Gutshaus selbst. Die großen Arbeiten bestimmen nicht mehr alles. Inzwischen können sie selbst entscheiden, wann sie welches Projekt angehen.
In diesem Jahr sind es die Fenster. Vielleicht im nächsten Jahr das Dach. Danach die Fassade. Schritt für Schritt.
Und daneben gibt es einen Alltag, der viel von dem erfüllt, was sie sich am Anfang erhofft hatten. Eigene Lebensmittel. Pfirsiche vom Baum. Brombeeren am Zaun. Marmelade, die mit der Familie gekocht wird. Fleisch und Wurst aus eigener Herstellung. Räuchern, Kochen im Freien, Vorräte, Tiere, Jahreszeiten. „Der höchste philosophische Grad ist, wenn man seine eigenen Lebensmittel erzeugen kann“, sagt Frank.

Der Gutshof Warksow ist ein Ort in Bewegung. Elfi Rewoldt und Frank Miller haben hier nicht nur ein altes Haus übernommen. Sie haben ein anderes Verhältnis zu Zeit gefunden. Zu Geld. Zu Arbeit. Zu Besitz. Und zu dem, was ein Haus einem Menschen geben kann, wenn man bereit ist, ihm zuzuhören.
Langsam bereiten sich die beiden nun auf den nächsten Lebensabschnitt vor. Weil sie wissen, dass ein Haus wie Warksow immer weitergeht. Deshalb wünschen sie sich Menschen, die Haus und Hof in ihrem Sinne weiterführen: gleichgesinnt, mit Geduld, mit Respekt vor der historischen Substanz und mit einer eigenen Idee für das, was hier noch wachsen kann.
Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis aus diesem Gespräch: Ein altes Haus muss nicht sofort fertig sein, um ein Zuhause zu werden. Manchmal reicht es, wenn es Menschen findet, die wissen, wohin sie wollen und die Geduld haben, den Weg dorthin wirklich zu gehen.








